VERENA STAUFFER
Von den Verwundungen der Gegenwart und der Suche nach Trost
Erstausstrahlung im ORF: 8. Juni 2026
Dass Lyrik als Nischenprodukt im bestsellerorientierten Literaturbetrieb relevant, ja sogar preiswürdig sein kann, beweisen die Gedichte von Verena Stauffer. Für ihren Band »Ousia« sowie für ihre Liebesgedichte »Kiki Beach« war die gebürtige Oberösterreicherin, die seit vielen Jahren in Wien lebt, 2020 und 2025 jeweils für den Österreichischen Buchpreis nominiert. »Kiki Beach« führte kurz nach Erscheinen sogar die ORF-Bestenliste an. Stauffers mehrfach ausgezeichnetes Werk, darunter mit dem ›George-Saiko-Preis‹, umfasst auch Essays und Romane, in denen die poetische Spracharbeit stets an vorderster Stelle steht.
»Sprache ist ein Zuhause, das ich sonst nicht habe«, meinte Verena Stauffer einmal in einem Interview. »Die Sprache, das Schreiben ist etwas, das man überall hin mitnehmen kann. […] wenn ich schreibe, fühle ich mich auf keinen Fall allein.« Geboren wurde die Autorin im Traunviertel, vor dem malerischen Panorama der oberösterreichischen Voralpen. Die Natur sei für sie seit jeher ein Kraftfeld, aus dem sie Inspiration für ihr Schreiben schöpft. Naturbilder und Landschaftsmotive durchziehen ihre Texte, doch auch die bedrohte Natur und Katastrophenszenarien beschäftigen sie.
Gleichzeitigkeit von Leid und Glück
»Ausgangspunkt meines Schreibens ist sehr oft eine Beobachtung oder ein Bild«, sagt Verena Stauffer im Gespräch für die Reihe ›Archive des Schreibens«. Ihre Texte legen als formbewusste Sprachgebilde immer wieder den Vergleich mit vielfarbigen Gemälden nahe. Als ihre Kinder noch klein waren, hat die vierfache Mutter begonnen konsequent literarisch zu arbeiten. Gedichte seien förmlich aus ihr »herausgebrochen«, wie Stauffer erzählt. Die Lyrik war ihre erste Form, für die Prosa musste sie sich erst ein Handwerk erarbeiten. Mit »Zitronen der Macht« debütierte die studierte Philosophin 2014 als Lyrikerin. Virtuos zeigt sich hier bereits ihr Umgang mit sprachlich-sinnlicher Weltwahrnehmung. Vier Jahre später folgte ihr erster Roman »Orchis«. Darin erzählt sie die Geschichte eines fiktiven Orchideenforschers, der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Dschungel von Madagaskar aufbricht, um Orchideen zu erkunden. Aus seinem wissenschaftlichen Ehrgeiz wird eine rauschhafte Obsession – seine Reise endet vorübergehend in der Nervenheilanstalt.
Schönheit und Wahnsinn, Liebe und Gewalt, Realität und Virtualität, Poesie und Politik – Verena Stauffers Literatur oszilliert zwischen starken Polen, und findet doch immer wieder zu einer Versöhnlichkeit. Nie weltfremd, sondern stets in einem historisch-politischen Bezugsrahmen verortet, sind ihre Texte. Sind es in »Orchis« die gesellschaftlichen Umbrüche und Revolutionen der vorletzten Jahrhundertmitte, die den Erzählhorizont ausmachen, so bildet für ihren zweiten Gedichtzyklus »Ousia« die Auseinandersetzung mit kommunistischen Diktaturen die Grundlage. »Geschlossene Gesellschaft«, eine fiktive Pandemie-Chronik, die an Jean-Paul Sartres gleichnamiges Stück denken lässt, illustriert die Surrealität einer Stadtexistenz im Ausnahmezustand. Und in »Strahlen«, ihrem Künstlerinnenroman, spannt Stauffer den Handlungsbogen vom gegenwärtigen New York, über Wien bis nach Teheran und erzählt von der »Welt an einem dunklen Wendepunkt«.
»Wir leben in einer stark verwundeten Welt und die Wunden brechen gerade auf«, meinte Verena Stauffer in einem Interview, bezugnehmend auf die globalen Krisen und Umbrüche unserer Zeit.
Die Gleichzeitigkeit von Leid und Glück in unserem Dasein beschäftigt die Autorin in ihrem Schreiben.
»Ziege, sprich, wie sind die Konflikte zu lösen?
Israel, der Iran und Jemen, Juden und Muslime,
Russland, Ukraine, Grenzen, Werte, Religionen […]«
fragt das lyrische Ich in einem Gedicht im Band »Kiki Beach«. Während die »Welt eskaliert«, finden Menschen andernorts Trost und Heilung in zwischenmenschlichen Begegnungen, wie in »Geschlossene Gesellschaft« beschrieben:
»[…] ich glaube, Erfüllung liegt eher dort, wo zwischen zwei sich haltenden Händen eine Wunde heilt, jahrelang gebildetes Eis der Hochgebirgswälder und Klüfte wie im warmen Westwind langsam schmilzt, in Quellen zerfließt und sprudelt.«
»Ein neuer Mensch ist ein neuer Anfang!«
Die zwsichenmenschliche Liebe, die Suche nach Erfüllung in Beziehung und Hingabe, aber auch der Wunsch nach Selbstermächtigung durch die Kunst treiben Stauffers Figuren an. Hanna Arendts These der Gebürtlichkeit war für die Entstehung des Gedichtbands »Kiki Beach« grundlegend, wie die Autorin im Gespräch für das ›Archive des Schreibens‹-Portrait sagt. Ein neuer Mensch könne den Lauf der Geschichte maßgeblich ändern, etwa als Revolutionsführer oder Präsident. Es könne aber auch eine neue Begegnung das eigene Leben völlig auf den Kopf stellen, beispielsweise, wenn man liebt. »Damit ein Anfang sei, ist der Mensch geschaffen.«, zitiert Arendt den Theologen Augustinus. Und in Stauffers Gedicht »Einsamkeit, dann du« heißt es:
»Kann das sein? Hallo. Sprachnachricht. Tonfall, Klangfarbe, Stimme
Inhalt, Wendungen. Wow. Ein neuer Mensch ist ein neuer Anfang!«
Wäre sie keine Dichterin, dann wäre sie Malerin oder Zuckerbäckerin geworden, wie Stauffer sagt. Und auf die Frage, was Schreiben für die bedeutet, meint sie: »Schreiben ist für mich Sehen, Beobachten, genauer Betrachten und Wahrnehmen der Welt, der Gesellschaft, der nahen Umgebung. Und da braucht es manchmal ein ganz nahes Heranrücken, ein Hineinzoomen und manchmal auch ein Heraustreten.«
Video: Sophie Weilandt/ORF TV-Kultur (Gestaltung), Bernhard Höfer (Kamera), Yannick Kurzweil (Schnitt)
Text: Sophie Weilandt

