Flüssige Literatur oder: Wie man Sprache destilliert
Erstausstrahlung im ORF: 7. September 2026
Mit Computern spielt Jörg Piringer ebenso gekonnt und leidenschaftlich wie mit Sprache: Denn er ist nicht nur studierter Informatiker, sonder auch Dichter. Als Performer, als Musiker, als bildender Künstler, Medien-Künstler, und eben nicht zuletzt als Schroftsteller, der 2020 am Bachmann-Preis teilgenommen hat, erfreut er sich an den unendlichen Möglichkeiten, die ihm Sprache, ihre Materialität und Semantik, eröffnen.
Zeichen-Kunst
Jörg Piringers Zeichen-Kunst ist mehr als Wort-Spielerei: Sprache nutzt er als Ausdrucksmittel und Arbeitsmaterial zugleich. »Die Zeichen sind natürlich die optische Fassade der Sprache. Ich analysiere das Sprachfeld und mache daraus etwas Neues. Ich betrachte das ein bisschen als Wissenschaft, es gibt ja das Gebiet der künstlerischen Forschung.«, sagt der 1974 geborene Wiener, und seziert die Sprache, zerlegt sie in ihre Einzelteile, baut sie lst- und fantasievoll wieder zusammen – in den unterschiedlichsten Ausformungen, von analog bis digital.
»Ich glaube, das Sprachspiel ermöglicht uns, darüber nachzudenken: Was sagen wir eigentlich?«. »OK« und »KO« sind für ihn zwei Seiten einer Medaille, das zeigen Buchstaben-Skulpturen, die er in seinem Atelier via 3D-Drucker fertigt; an Spieluhren erinnern Installationen, die Worte neu zusammenwürfeln; leuchtende Laufbänder erforschen Wortfelder: Wieviel »ANGST« steckt in so harmlosen Worten wie »AusgANGSTempo« oder »LANGSTreckenrekord«?
Konkrete und Digitale Poesie
Am Anfang von Piringers Werken steht meist der Computer. Die Maschine dient ihm nicht nur als Schreibinstrument. Natürlich verfasst er auf ihm seine Texte. Doch ebenso nah wie das Dichten liegt ihm das Schreiben von Computerprogrammen. Beide Formen betrachtet er als gebundene Sprache, als kleine Gedichte. »Informatik und Literatur, das klingt sehr unterschieldich. Aber in beiden Gebieten schreibe ich Texte. Das eine Mal schreibe ich Texte, die Menschen lesen, das andere Mal Texte, die Maschinen lesen und ausführen.«
In seinem ersten Buch »Günstige Intelligenz« (Ritter Verlag, 2022) unterzieht Piringer die KI, die Künstliche Intelligenz, einem Intelligenztest, experimentiert mit ihren Fertigkeiten, lässt sie etwa Gesetzestexte aus Lyrik fabrizieren. »Ich verwende Maschinen, weil ich eben genau über diese Maschinen etwas sagen will, weil wir in einem Maschinenzeitalter leben, in dem Maschinen unsere Welt beeinflussen.«
Laptop, Leinwand, Laute
Seine Poesie kann man im Internet auf Piringers Youtube-Kanal ebenso sehen und hören wie in seinen Performances, bei denen er die Buchstaben tanzen lässt und mit Laptop, Leinwand und Lauten Sprachkunstwerke generiert und projiziert: das Wort »Fakt« verwandelt sich in »Fake«, das Wörtchen »Ich« vervielfältigt sich ins Unendliche.
Tuten und Blasen
Piringers Arbeit ist inspiriert von der Wiener Gruppe, von Gertrude Stein, von Dadaismus, von Konzeptkunst. Genre-Grenzen setzt er sich nicht. Zu sehr liebt er das Experiment: »Mir wäre es am liebsten, es gäbe keine Kunst-Sparten; man schaut einfach, ob ein Künstler, eine Künstlerin, interessant ist, oder nicht!«
Interessant ist auch das Piringer Mitglied des Kunstprojekts »Institut für transakustische Forschung« ist und selbst Musik macht: aus Karotte oder Kürbis, beim »Ersten Wiener Gemüseorchester«, ernsthaft und hörenswert.
Flüssige Literatur
Bei ihm fließen also die Kunstgattungen ineinander, so Piringers persönliche Poetik. »Wir sind es gewohnt, Werke als Literatur zu betrachten, wenn sie ausgedruckt auf einer Buchseite stehen, also fix sind. Für mich ist das aber nur eine Momentaufnahme. Ich denke Literatur als ›flüssig‹«. Den Text »verbrenner« hat er dennoch in feste Buch-Form gegossen: Ausgehend vom Verbrenner-Motor erforscht er in einer weltumspannenden Zivilisationskritik und in einem Redestrom alles, was zu den Wortfeldern Feuer und Wasser, Zerstörung und Aufblühen gehört, »Mein Schreiben speist sich auch daraus, dass ich wissen will: Wer bin ich und wer bin ich im Verhältnis zur Gesellschaft.«
Video: Sandra Ölz/ORF Kultur (Gestaltung), Bernhard Höfer (Kamera), Yannick Kurzweil (Produktion)
Text: Sandra Ölz
Jörg Piringers ›Archive des Schreibens‹-Playlist
Santigold: »Fall First«
Das Gemüseorchester: »Transplants«
Yukno: »Am Ende vom Feed«
Santigold: »Ain't Ready«

