›Archive des Schreibens‹, Folge 31

Vom Unheimlichen im Heimlichen

Gedankenwege zu Laura Freudenthalers Texten mit Focus auf den Roman »Iris«

Erstausstrahlung im ORF: 1. März 2026

Laura Freudenthaler gehört seit ihrem Debüt »Der Schädel von Madeleine« (2014) zu den markantesten Autorinnen im deutschsprachigen Raum. Die 1984 in Salzburg geborene, heute in Wien lebende Schriftstellerin wurde inzwischen mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem ›Anton-Wildgans-Preis‹ im Jahr 2024. In ihrer Rede, die sie anlässlich der Preisverleihung gehalten hat, hob Laura Freudenthaler hervor, das Sensorium, mit dem sie als Kind die Welt erfuhr, sei dasselbe, mit dem sie schreibe. Und fügte hinzu: »Das Schreiben ist immer auch der Versuch, diese vollständige Empfindung wiederzufinden.« Das bedeutet, dass hier eine schreibt, die die Durchlässigkeit und damit Offenheit für alle Sinneswahrnehmungen als Bedingung des eigenen künstlerischen Tuns erachtet – wozu in ihrem Fall gehört, dass sie digital mehr oder minder abstinent lebt. Kein Smartphone, keine Nutzung von ›Social Media‹‹: weder aktiv noch passiv. In ihrem Roman »Arson« heißt es einmal: »Die meisten haben zu viel Angst, um zu sehen.« Laura Freudenthaler ist eine, die sich diese Angst nicht gefallen lässt: vielmehr hat sie den Anspruch, rücksichtlsos »zu sehen«, was ist und die Leserschaft damit auch sehend zu machen. 

Eines der vorherrschenden Themen ihrer Literatur: zwischenmenschliche Beziehungen, zumal die zwischen Mann und Frau. Es sei »eminent politisch über Beziehungen zu schreiben.«, sagt Freudenthaler, weil sich darin sämtliche tradierte wie aktuelle Machtverhältnisse und Hierarchien widerspiegeln. Nicht nur darin ist sie der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann verwandt, auf deren Werke sich ihre Texte immer wieder beziehen. 

Beziehungen als Spiegel der Gesellschaft

Beziehungen sind es auch, um die der Roman »Iris« (2026) gebaut ist: vor allem die zwischen der titelgebenden Schriftstellerin Iris und Anton, dem Künstler, der eine der wichtigsten Bezugspersonen der Hauptfigur ist. Iris führt ein unruhiges Leben, ist viel auf Reisen, auf Lesereisen. Das Gefühl einer sehr grundlegenden Unbehaustheit prägt ihr Leben. Und: Atemlosigkeit, die in den seitenlangen, punktlosen Sätzen zum Ausdruck kommt: jedes Kapitel ein Satz.

Beides, die Unbehaustheit und die Atemlosigkeit zeichnet Freudenthaler als Effekte einer Welt, in der die Ökonomisierung und Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche rücksichtlos voranschreitet. Dass das Leben, darunter das Wohnen, immer teurer wird, die Welt der Geisteswissenschaften, der Kunst, zunehmend abnimmt, das physische, analoge Leben mehr und mehr an Bedeutung einbüßt, insgesamt also eine Prekarisierung der Verhältnisse stattfindet: all das erzählt Freudenthaler nicht etwa edukativ, sondern vielmehr wie nebenbei als ein bedrohliches Hintergrundrauschen. 

Was Laura Freudenthaler insgesamt literarisch macht, ist in jeder Hinsicht das Gegenteil von Agitprop und ist zugleich doch hoch brisant. Es ist unter anderem die denkerische wie literarische Genauigkeit, die sie davon abhält, ideologische Prosa hervorzubringen. Freudenthaler simplifiziert in ihrer Arbeit weder das Politische noch das Private und denkt es doch von Beginn an konsequent zusammen. So ist sie eine Meisterin darin, das Vertrauteste so darzustellen, dass das Unheimliche darin zum Vorschein kommt: das Unheimliche und das Heimliche werden in ihrem Werk als zwei Seiten derselben Medaille dargestellt. Das gilt für ihr Debüt genauso wie für »Die Königin schweigt« (2017), »Geistergeschichte« (2019) und das Buch »Arson« (2023), das auf beklemmende Weise eine Welt seziert, die unaufhaltsam an der Zerstörung der eigenen Grundlagen arbeitet. 

Der Krieg als schwerstes Menschheitserbe

Im Roman »Iris« sind sowohl die privaten Verhältnisse als auch die äußeren geprägt von unterschiedlichsten Kriegszuständen. Der Krieg ist in diesem Roman omnipräsent, nicht zuletzt der zwsichen den Geschlechtern. Vergangenes wie gegenwärtiges Grauen verwebt Laura Freudenthaler in diesem Roman ineinander, auf dass sichtbar wird, dass sich die Menscheit aus unterschiedlichsten Schichten von Gewalt zusammensetzt – im Roman heißt es an einer Stelle »(…) das zivilisierte Leben mussten wir lernen, den Krieg verlernt man nicht, (…)«. 

So ist es auch kein Zufall, dass in »Iris« den blutigen Hexenprozessen von Salem eine zentrale Rolle zukommt: die Autorin im Text beschäftigt sich obsessv mit ihnen: sie haben sich Ende des 17. Jahrhunderst in ›Neuengland‹, also im Nordosten der USA, ereignet, sind gut dokumentiert und wurden bereits mehrfach literarisch berarbeitet: »(…) man ging davon aus, Hexenwissen würde von einer Generation zur nächsten weitergegeben, wenn nicht gar vererbt, und sei nur durch die Hinrichtung von Mutter und Tochter auszumerzen, (…)«, ist in »Iris« zu lesen.

Neben der Frage, wie der Krieg in unsere Körper kommt, ist die Frage danach, wie es gelingen könnte, das kriegerische Erbe abzustreifen, die virulenteste im Buch. Dass beides auch eine Frage der Sprache ist, eine Frage der Form mithin, daran lässt dieser zarte wie kraftvolle Text keinen Zweifel. 

Das Erzählen als Instrument des Überlebens

Als eines der wichtigsten Instrumente des Überlebens und damit Überwindens von Gewalt inszeniert Laura Freudnethaler im Roman »Iris« das Erzählen selbst. Vergleichbar der Figur der Scheherazade im Klassiker der Weltliteratur, »Tausendundeine Nacht«, in dem Scheherazade, die Tochter des Wesirs, dem König Geschichten erzählt, um ihn vom Töten seiner Frauen abzuhalten, bäumt sich Iris mit Hilfe des Erzählens auf gegen den eigenen Untergang, gegen die klaffenden Abgründe in ihrer Gegenwart. 

Das Erzählen hält Iris lebendig, es ist ihre Art des Widerstands, auch gegen tradierte patriarchale Repressionen. Es ist kein triumphales Erzählen, das Iris betreibt, es ist vielmehr ein tastendes, ein suchendes, eines, das sich an der Mündlichkeit des Erzählens orientiert, das in Freudenthalers Werk in besonderem Maße relevant ist. Freudenthaler sagt, alle ihre Texte entstünden aus einer Suchbewegung heraus: Das zeigt sich an der Fragilität ihrer Spracharbeit, die zugleich von hoher formaler Entschiedenheit und Raffinesse ist. 

Ingeborg Bachmann schreibt in ihren bekannten »Frankfurter Poetik-Vorlesungen«, dass es eine Literatur braucht, die »scharf von Erkenntnis« ist und »bitter von Sehnsucht, um an den Schlaf der Menschen rühren zu können.« Wer Freudenthalers Texte liest, zumal »Iris«, wird möglicherweise schlecht schlafen, dafür hellwach durch die Tage gehen, ermuntert zu neuer Wahrnehmung und im Bewusstsein, dass Desillusionierung eine Form der Aufklärung ist. In ihrem Roman »Arson« finden sich übrigens Sätze, die man als direkten Widerhall des zitierten Gedankens Ingeborg Bachmanns lesen könnte: »Wer schläft, kämpft nicht. Er überlässt sich seinen Wächtern.«

Video: Katja Gasser/ORF TV-Kultur (Gestaltung), Bernhard Höfer (Kamera), Yannick Kurzweil (Produktion)
Text: Katja Gasser