FRANZISKA FÜCHSL
Nature Writing
Erstausstrahlung im ORF: 1. Dezember 2025
Erstveröffentlichung auf ORF Topos: 22. Dezember 2025
Für ihren Text »Am Rand der Müh« erhielt Franziska Füchsl im Herbst 2025 den Deutschen Preis für Nature Writing. Die 1991 im oberen Mühlviertel geborene Autorin gilt als eine der wichtigsten jungen Stimmen der österreichischen Avantgardeliteratur. Sie erkundet hochpoetisch, originär und eigenwillig Wort- und Sprachlandschaften. »Ich möchte Ergriffenheit erzeugen«, sagt sie im Interview der Porträtserie ›Archive des Schreibens‹.
Die »Michö« oder »Müh« nennt man umgangssprachlich jenen Fluss, der dem oberösterreichischen Mühlviertel seinen Namen verleiht. Entlang des Wassers und seiner Verzweigungen setzt Füchsl in ihrem ausgezeichneten, bisher noch nicht publizierten Text »Am Rand der Müh« die Landschaft in Szene. Der Lauf des Gewässers von der Großen zur Kleinen »Müh«, von der »Steinernen« an den Rand der »Müh« strukturiert auch den Erzählfluss. Das Buch wird im Frühjahr 2026 im Thanhäuser-Verlag erscheinen.
Der mit 10.0000 Euro prämierte Deutsche Preis für Nature Writing, initiiert vom Verlag Matthes & Seitz, zeichnet jährlich Texte aus, die sich in der literarischen Tradition des »Nature Writing« mit der Wahrnehmung von Natur, der Geschichte der menschlichen Naturaneignung und dem Kultur-Natur-Verhältnis auseinandersetzen. Letzteres spielt bei Füchsls Text eine Rolle. In schon publizierten Auszügen wird nicht nur das Mäandern ihrer Grenzlandprosa entlang des Flusslaufs deutlich.
Lautmalerische Spurensuche
In Anlehnung an ein Dialektgedicht über die Große Mühl von 1934 beschäftigt sich Füchsl zugleich mit den damaligen politischen Unruhen in der Region und der wirtschaftlichen Aufstiegshoffnung, die das 1924 erbaute, erste österreichische Großkraftwerk an der Großen Mühl erweckte. Dem Namen »Müh« gibt sie auf der Lautebene eine zusätzliche Bedeutung, in dem sie die Mühsal des Lebens im südlichen Böhmerwald beschwört.
»Das Interessante ist ja, dass sobald Gras über eine Sache wächst, immer eine Spur zurückbleibt«, so die Autorin im ›Archive des Schreibens‹-Gespräch. Der südliche Böhmerwald, das Quellgebiet des Flusses Steinerne Mühl, sei mit den verlassenen Dörfern »voller vegetativer Spuren, Überreste menschlicher Anwesenheit«. Insofern lasse sich »eine Sache nie kaschieren oder ›begraben‹, indem Gras über sie wächst«, so Füchsl.
Wortneuschöpfungen bei Jelineks »Schutzbefohlenen«
Füchsl, die heute in Wien und Kiel lebt, ist Maschinenbauertochter. Sie arbeitete als Hilfstschak in der Metallverarbeitung und ist Absolventin des Studiums der Deutschen Philologie und Anglistik sowie des Fachbereichs »Sprache und Gestalt« an der Kunsthochschule in Kiel. Setzlinge, Sätze und das Setzen von Schrift gehören in ihrer Literatur zusammen. In ihrem 2023 bei Ritter erschienenen Buch »Die Straßen sind sichtbar« begleiten Illustrationen kugelrunder buschiger Baumköpfe das Flanieren der Ich-Erzählerin durch eine Stadt, die voller (phonetischer) Mehrdeutigkeiten ist – etwa in der lautmalerischen Ähnlichkeit von Begründung und Begrünung.
»Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.«
Spielerisch – oft mit subversivem Potenzial – etabliert Füchsl in ihren Texten Wort(neu)schöpfungen. Dieses literarische Verfahren wandte sie bereits 2013 an, als sie zusammen mit dem »Versatorium – Verein für Gedichte und Übersetzen«, dessen Mitglied sie ist, sowie mit Geflüchteten Elfriede Jelineks Stück »Die Schutzbefohlenen« in verschiedene Sprachen übertrug, nämlich so, »wie wir Englisch oder Dialekt oder Deutsch hören«, kommentiert Füchsl. »Wir sprechen die meisten Sprachen nicht, nehmen aber ihren Klang ab.«
In den Folgejahren hat die Autorin ihre Vorgehensweise erweitert. So wird etwa die Frage nach dem Klang der Natur in »Die Straßen sind sichtbar« von gurrenden Tauben beantwortet: »gutgutgut«.
Feilen, entgraten, Löcher bohren
Für Füchsl zählen literarische Produktionsmittel zum Selbstverständnis ihrer Arbeit: Die Wahl des Papiers, des Satzes sind wohlüberlegt, Entscheidungen für Schriftart und Druckerpresse werden stets begründet. »Man muss immer feilen und entgraten oder noch einmal ein Loch bohren. Das ist mein Weg zur Sprache. Das habe ich auf die Sprache übersetzt.«
Mit dem »Versatorium« hat sie einen eigenständigen Druckraum mitaufgebaut, in dem Materialmöglichkeiten ausgelotet werden. Nicht nur, was be-, sondern auch angreifbar ist, macht Füchsls Zugang zur Literatur aus. »Ich will wirklich Ergriffenheit erzeugen«, lautet das deklarierte Ziel der vielseitigen Künstlerin.
Video: Paula Pfoser (Redaktion), Zita Klimek (Bildredaktion), Sophie Weilandt (Gestaltung), Yannick Kurzweil (Produktion)
Text: Julia Danielczyk, für ORF Topos
Franziska Füchsl Website
Meldung Deutscher Preis für Nature Writing (Magazin Literaturhaus Wien)
Ritter Verlag
Edition Thanhäuser
Liberladen
Franziska Füchsls ›Archive des Schreibens‹-Playlist
Seiler und Speer: »In ana aundan sproch«
Maja Osojnik »Cas na prodaj«
Nirvana »Where Did You Sleep Last Night«

